Der gläserne Schuh

Ernst Moritz Arndt 1769-1860
Ein Bauer fand eines Tages auf dem Berg, wo in der Nacht oft Wichtelmänner tanzten, einen gläsernen Schuh. Er steckte ihn schnell in seine Tasche und hielt in fest, er dachte, diesen Schuh kann ich dem Wichtel für viel Finderlohn wieder verkaufen. So ging er in der Nacht wieder zum Berg und rief, so laut er konnte:
»Ich habe einen gläsernen Schuh daheim, will jemand diesen Schuh kaufen?«
Hat ein Wichtelmann seine Schuhe verlegt so muss er nämlich barfuss gehen, das ist sehr schlimm in den Bergen auf hartem steinigen Boden.
  Ein paar Tage später klopfte es bei dem Bauern an der Tür. Es war der Wichtelmann, als Kaufmann verkleidet, der seinen Schuh wieder haben wollte. Er fragte, ob hier der gläserne Schuh zu verkaufen sei, er könnte gerade einen brauchen.
  »Ich habe einen hübschen kleinen Schuh aus Glas«, antwortete der Bauer, »er ist so zierlich, dass er sogar einem Wichtelmann passen könnte, aber ich glaube nicht, dass ein Kaufmann ihn bezahlen kann.«
  Der verkleidete Wichtel antwortete: »Gläserne Schuhe sind doch nicht so Selten, aber weil er mir gut gefällt, will ich Euch tausend Taler dafür geben.« »Tausend Taler gibt es etwa für einen fetten Ochsen auf dem Markt«, antwortete der Bauer, »aber für diesen Preis gebe ich den Schuh nicht her, ich habe gehört dass die viel wertvoller sind. Versprich mir dass ich beim pflügen in jeder Furche einen Dukaten finde, so will ich Dir den gläsernen Schuh geben.«
  Der Kaufmann machte noch einige Versuche hin und her. Aber der Bauer blieb bei seiner Forderung und so versprach er ihm, was er verlangte. Er bekam den Schuh, und war sogleich verschwunden.
  Der Bauer eilte jetzt in den Stall, spannte die Pferde vor den Pflug und auf das Feld zum pflügen. Kaum hatte der Pflug die erste Furche angefangen, sprang auch schon der erste Dukate aus der Erde und so ging es bei jeder neuen Furche.
  Der Bauer wollte kaum mehr aufhören mit Pflügen, von morgens früh bis spät in die Nacht. Er kaufte sich immer mehr Pferde um noch mehr zu pflügen, so konnte er alle zwei Stunden frische Pferde anschirren. Oft ist er schon vor Sonnenaufgang ausgezogen, und hat nach Mitternacht noch gepflügt. Er hat immer allein gepflügt und niemand durfte helfen. Er schuftete viel mehr als seine Pferde, welche guten Hafer bekamen und oft miteinander abwechselten damit sie den Pflug gut ziehen konnten. Der Bauer selber ist dagegen immer bleicher und magerer geworden.
  Seine Frau und seine Kinder hatten keine Freude mehr an ihm. Er hat am Tag nur noch gepflügt, und in der Nacht studiert, wie er einen schnelleren Pflug erfände. Die Nachbarn wunderten sich wegen seines Tuns und glaubten, er sei närrisch geworden.
  Als der zweite Frühling kam, ist er eines Tages tot hinter seinem Pfluge hingefallen, obwohl er doch ein sehr starker und lustiger Mensch war, ehe er den gläsernen Schuh in seine Gewalt bekam. Seine Frau aber fand nach seinem Tode in dem Keller des Hauses zwei grosse vernagelte Kisten voll blanker Dukaten. Davon haben sich seine Söhne später grosse Güter gekauft und sind Herren und Eheleute geworden. So macht der Teufel zuweilen auch grosse Herren. Aber dem toten Bauern hat das nicht mehr geholfen.



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